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^inh 2013091900 monograph
Die Logik des objektiven Idealismus
Zu Bernd Braßels "Programm der idealen Logik".


1          Einleitung: Anmerkungen zum "Deutschen Idealismus" in Vergangenheit und Möglichkeit
2          Braßels Ansatz zur Re-Konstruktion der idealistischen Logik --- Versuch einer Zusammenfassung
3          Kritik, Einordnung und Ausblick
4          Nachwort, in Parenthese

Wir bauen an dir mit zitternden Händen
und türmen Atom auf Atom,
Aber wer kann dich vollenden,
du Dom?

Kam uns doch jüngst entgegen das Werk von Bernd Braßel, Das Programm der idealen Logik [bra]. Es ist eine sehr lesenswerte Auseinandersetzung mit der untersten Schicht, den ersten, grundlegenden Schritten im Systemaufbau des "Deutschen Idealismus", genannt "Logik".
Folgender Beitrag ist als Rezension, Antwort und Zusammenfassung intendiert, nicht zuletzt auch als Empfehlung, sich diesem anregenden Buch zuzuwenden.
Zwar ist das Thema als solches durchaus in der "allgemeinen Philosophie" angesiedelt. Wichtige Aspekte und Stränge jedoch sind für die Themen von Analyse, Wirkungsbeschreibung und Modellbildung der Musik durchaus unmittelbar relevant, was rechtfertigt den Beitrag hier aufzunehmen. (Auf einige dieser Beziehungen und Funktionen wird im folgenden ausdrücklich hingewiesen, wenn auch in aller Kürze.)

^Inh 1 Einleitung: Anmerkungen zum "Deutschen Idealismus" in Vergangenheit und Möglichkeit

Der Deutsche Idealismus ist, in engstem Sinne des Begriffes, eine philosophische Richtung der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Ausgehend von wesentlichen Argumentations-Strängen im Werke Immanuel Kants wurde er begründet und zu seinem Höhepunkt geführt hauptsächlich von Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854).

(Nur zur groben zeitlichen Orientierung die Entstehungs- oder Publikationsdaten wichtiger Fassungen fundamentaler Werke:

  1. Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1781,
  2. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, 1794, (sic, mit zwei Emm, find ich auch besser !-)
  3. Hölderlin, Urteil und Sein, 1795,
  4. Hegel und/oder Hölderlin und/oder Schelling, Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus, 1796,
  5. Schelling, System des transcendentalen Idealismus, 1800,
  6. Hegel, Phänomenologie des Geistes, 1806,
  7. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, 1816

)

Bereits mit seiner Formulierung begann sein Siegeszug, --- er wurde mehre Jahrzehnte durchaus für den Gipfel des im philosophischen Denken Möglichen gehalten.

Wichtig und überaus einflussreich wurde er sogar durch Kritik und Ablehnung: So unterschiedliche Produktionen wie die "Willens-Philosophie" Schopenhauers oder der "Proto-Existentialismus" Kierkegaards wurden definiert in Abgrenzung und Ablehnung, besonders zu Hegel, und der "dialektische Materialismus" versteht sich zwar als dessen Fortsetzung, aber auch als dessen Negation, "vom Kopf auf die Füße gestellt".

Was sagen die verschiedenen aufgeführten Systeme nun inhaltlich, wie arbeiten sie methodisch?
Ihre etwas weiter gefasste Familie wird auch genannt objektiver Idealismus, was bedeuten soll, dass (a) "Ideen" als das grundlegende konstruktive Element der philosophischen Erklärung dienen, und dass (b) diese Ideen "objektiven" Charakter haben, soll heißen, nicht nur innere Konzepte des menschlichen Denkens sind, sondern vielmehr wirkmächtige und wirkende Faktoren, die die uns umgebende Welt konkret beeinflussen, ja bestimmen. (Wie sie das tun, dazu unten Genaueres.)

Sein grundlegendes philosophisches Programm kann rekonstruiert werden durch folgende Punkte: (a) der Versuch, die Gesamtheit des Denk-, Wiss- und Erfahrbaren in ein zusammenhängendes geistiges "System" zu bringen, und (b) dabei auszugehen von den durch Kant aufgeworfenen erkenntnistheoretischen Fragen nach der Erfassbarkeit der Welt und dem Verhältnis von Subjekt und Objekt, dabei durchaus dessen grundlegenden transzendental-analytischen Grundannahmen teilend, wenn auch weitgehend modifizierend.

Vielleicht der einflussreichste der aufgezählten Denker ist Hegel. Dessen Gesamtwerk unterliegt einer staunenswerten Dialektik: Zum einen hat er dieses Ziel des allumfassenden Systems, jedenfalls gemessen am damaligen Wissenshorizont, fast verwirklicht. Kaum eine Frage von der abstraktesten bis zur allerkonkretesten, vom Endziel menschlicher Geschichte über die Musikästhetik bis hinab zur Verdauung des Hundes, zu dem sich bei ihm nicht eine "definitive Antwort" fände.

Andererseits aber ist von diesem System das meiste nur indirekt überliefert, z.B. in Vorlesungsniederschriften und Kompilationen seiner Schüler. Die von ihm selber geschriebenen und dann auch veröffentlichten Texte sind in der Minderheit, allerdings qualitativ, in ihrer Eigenschaft als Programmatisches, überaus wichtig. Es sind dies vorrangig zwei Werke, in verschiedenen Fassungen und Überarbeitungen, die Phänomenlogie des Geistes und die Enzyklopädie der Philosophischen Wissenschaften.

In letzterer wird das Hegelsche Gesamtsystem recht kompakt dargestellt. Es ist charakterisiert durch eine Hierarchie von tief geschachtelten Dreiteilungen. Diese entsprichen dem grundlegenden dialektischen Bildungsprinzip, welches fast allen Denk-Schritten in diesem Werk (und auch fast allen bei seinen beiden Kollegen und ihren Nachfolgern) zugrunde liegt. Dies kann, in grober Vereinfachung, dargestellt werden als eine Abfolge von ...

  1. These: Etwas ist (wörtlich:) "etwas Gesetztes", etwas "ist gegeben", "ist erkannt", "ist der Fall".
  2. Anti-These: Das "Gegenteil" der These ist aber ebenfalls gesetzt, oder kommt hinzu, oder folgt sogar aus ihr.
  3. Synthese: Durch diesen Widerspruch entsteht etwas Neues.
  4. Dieses Neue kann (im nächsten Schritt / in größerem Kontext / auf nächsthöherer Ebene / ...) dann wieder als "These" fungieren, etc.

Wohlgemerkt, dies ist eine starke Vereinfachung der Grundgestalt! Was in diesen Formulierungen überhaupt "Gegenteil", "Widerspruch", "Neues", "nächsthöhere Ebene", etc. bedeuten soll, kann durchaus unterschiedlich sein, je nach Anwendungsfall. Das heisst aber nicht, dass einer argumentativen Beliebigkeit oder freier Spekulation das Wort geredet wird. Zwar findet man auch bei den drei Klassikern Anwendungen dieses Prinzips, die das Absurde streifen. Zumeist aber sind seine "Instantiierungen" aber durchaus präzise und konkret, besonders bei Späteren, den dialektischen Materialisten.

((
Mögliche und nützliche Anwendungen des dialektischen Prinzips im Bereiche der Musik haben wir ausführlich aufgewiesen, allerdings an durchaus verstreuten Stellen, z.B.

  1. zur inhärenten Dialektik der Dominantfunktion (s.t. 2012071300, zu Bruckners Siebenter) ,
  2. im methodologischen Einleitungskapitel "Kompositorische Dialektik" in unserer Monographie zum Weihnachtsoratorium,
  3. oder auch der konzentrierte Abschnitt "Dialektik, der fruchtbare Widerspruch", in s.t. 20120314 00

))

Die oberste Gliederungsebene von Hegels Enzyklopädie entspricht also der Gliederung seines Gesamtsystems. Die drei Teile werden normalerweise bezeichnet als

  1. Die Wissenschaft der Logik
  2. Naturphilosophie
  3. Die Philosophie des Geistes

Der erste Teil, kurz "Logik" genannt, bringt, ausgehend vom Allereinfachsten, eine Folge von "Begriffen", die jeweils durch o.e. dialektischen Schritt aus ihren Vorgängern entspringen, und die so die grundlegenden Möglichkeiten überhaupt angeben sollen, mit denen der menschliche Geist seine Schritte, Schlüsse und Sprünge vollziehen kann. Diese Grundbegriffe, die den Text der "Logik" strukturieren, bilden also die einzigen Möglichkeiten des Geistes, bevor ihm überhaupt irgendein "äußeres Material" zum Betrachten vorgesetzt wurde.

Mehr noch: da diese Denkformen, welche zu studieren und systematisieren die Aufgabe der "Logik" ist, auch die einzigen Werkzeuge und Bahnen zur Wahrnehmung der äußeren Welt sind, beeinflussen, ja, bestimmen sie auch die "Welt wie sie uns erscheint". Wir können garnicht anders als durch die Mittel unseres Geistes erfahren, urteilen und erkennen. Deswegen prägt genau dieser Geist und seine Möglichkeiten grundlegend das Erfahrene und Wahrgenommene und unsere Urteile. "Die Welt ist vernünftig", -- das ist die extreme Formulierung, zu der Hegel kam. In genau diesem Sinne hat er recht. Wir können heute, etwas weniger apodiktisch, z.B. sagen "die Welt, wie sie uns einzig erscheinen kann, ist geprägt von der Logik, in oben beschriebener Wortbedeutung." In genau diesem Sinne sind "Ideen" etwas "objektives", Konstituenten der Wirklichkeit.
Dieser Grundtatsache, dass Welt, wie sie uns einzig wahrnehmbar ist, durch unser Wahrnehmungsvermögen nicht nur gefärbt, sondern erst geschaffen wird, ist die große "kopernikanische Wende", herausgearbeitet durch Kant, dort genannt "Transzendentalität". Von ihm hat sie der "Deutsche Idealismus" geerbt.

Nichtsdestoweniger aber sind die Vor-Überlegungen der Logik, die die erwähnten prinzipiell nur möglichen Operationen des Geistes herausarbeiten, von den damaligen Autoren durchaus als "Dienstleitung" für die sogenannten "Einzel-Wissenschaften" gemeint gewesen, oder vielmehr als "Vor-Schriften". Viele Schulen der Philosphiegeschichte, besonders aber Deutsche Idealismus, begriffen sich als Erforscher der Grundlagen von Erkenntnis übehaupt, und erwarteten, in den verschiedenen "Fach-Disziplinen" respektiert, rezipiert und berücksichtigt zu werden, wenn es um die Definition der fundamentalen Begriffe und Verfahren geht.

In diesem Sinne nannte Fichte sein System ja "Wissenschaftslehre", die Publikation gar "Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre"!

Leider aber wurden und werden diese propädeutischen Arbeiten ihrer Philosophie-Kollegen von den Fachwissenschaftlern fast immer durchgängig ignoriert, selbst dann, wenn sie einmal uneitel sind und schwere Irrtümer und überflüssigen Streit verhindern könnten, nutzte man sie zumindest zur sorgfältigen Klärung des Begriffsapparates ...

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Da es im hier betrachteten Buch von Bernd Braßel und somit im folgenden Text genau um diesen ersten Teil gehen wird, sei weiteres zu diesem ersten Drittel des Hegelschen Systems zunächst zurückgestellt und der weitere Aufbau kurz skizziert:

Der zweite Teil, "Naturphilosophie", erscheint uns heute wieder in sehr interessantem Licht: Damals nämlich waren viele der in diesem Unter-Bereich des Deutschen Idealismus' aufgestellten Behauptungen (nicht nur im zweiten Teil der Enzyklopädie, sondern allerorten) weit jenseits oben bereits erwähnter Grenze des Absurden. Der Deutsche Idealismus (aber nicht nur er) behauptete nämlich allen Ernstes, dass schon lediglich aus den formalen Bestimmungen des "Geistes" (was immer das sei), die dem Denker durch Analyse vor jeder Erfahrung erkennbar seien, Fakten der physikalisch gegebenen "äußeren Natur" erschliessbar und begründbar sind, ebenfalls vor jeder Erfahrung. Viele dieser Behauptungen hatten Strukturen wie "die Widerkäuer müssen genau sechs Mägen haben, weil sechs die einzige vollkommene Zahl (=Summe ihrer Teiler) unter zwanzig ist ..."

Selbstverständlich erscheinen uns die meisten derartiger Schlüsse heute absurd, und in der Tat sind viele der aufgestellten Behauptungen bald schon durch empirische Messungen und Beobachtungen widerlegt worden.

Das Bemerkenswerte, was für den Verfasser den Deutschen Idealismus als Ganzen auch wieder näher an das der ernsthaften Beschäftigung Würdige rückt, ist nun, dass hingegen heutzutage, unter Zugrundelegung der Theorien der Molekulargenetik, der neueren Physik, insbesondere der Quantenmechanik, der systemtheoretischen begründeten Biologie, etc., derartige "Schlüsse a prioiri von der Zahlengestalt auf das empirische Ergebnis" garnichtmehr so absurd erscheinen wie die doch sehr unbeholfenen Versuche der Damaligen.

Es ist tatsächlich eine völlig unausweichliche Konsequenz einer völlig abstrakten zahlentheoretischen Gegebenheit, dass es fünfzehn Lathaniden und Actiniden geben muss, sobald man nur das über Quantenzustände definierte Elektronenschalenmodell zugrundelegt. Ähnlich kann die Stabilität von Populationen bei bestimmten Replikations- und Ausfallfaktoren durch mathematische Modellbildung a priori bestimmt werden, ohne wissen zu müssen, ob es sich um Mammuts oder um Läuse handelt.

Im Lichte dieser und vieler anderer Beispiele erscheinen die Ansprüche der Deutschen Idealisten, gleich der vieler anderer philosophischer Schulen, die Jahrhunderte, ja, Jahrtausende vorher ähnliche Schlussweisen versuchten, garnichtmehr so lächerlich, sondern eher visionär und nur --- verfrüht. "Natur-Philosophie", und zwar mit ziemlich genau derselben Einbettung und Wechselwirkung zu "Logik" einerseits und "Philosophie des Geistes" andererseits, wie sie von Hegel und Kollegen versucht wurde, scheint heutzutage, wenn auch mit vorsichtiger und genauer gezogener Grenze, wieder durchaus möglich.

Den dritte Teil der Enzyklopädie, und dem entsprechen auch die "höheren Schichten" der anderen Systeme, heißt "Philosophie des Geistes". Da der Geist allerdings von Anfang an die treibende Kraft war, in der Logik gleichsam in seiner Feinstruktur, in seinen Handlungsmöglichkeiten analysiert, und in der Naturphilosophie "Fleisch geworden", ist die Bedeutung dieser Benennung deutlich enger, nämlich das Wirken des "sich selbst als Geist bewußten Geistes", des sich selbst reflektierenden Geistes: Alle Fragen von Theoriebildung und deren Weitergabe, von Polis und ihrer Organisation, von Vertrag, Eigentum, Schuld und Verantwortung, von Gesetzgebung und Rechtsprechung, von Staatsbildung, Staatsbegründung und Kriegen, von Geschichte und Geschichtsschreibung, von Kunst und Religion können hier eingeordnet und behandelt werden, und zwar in dieser (oder einer sehr ähnlichen) Reihenfolge. Diese steigt auf bis zum Schluss- und Zielpunkt, der Philosophie, der Disziplin, die (a) einerseits (mit ihrem Unter-Bereich "Logik") die Grundlage der ganzen Pyramide wenn nicht bildet, so doch zumindest beschreibt, analysiert, ins Bewußtsein hebt; die weiterhin (b) als Definition des sich seiner selbst bewußt gewordenen Menschen, seiner Grenzen und Möglichkeiten, seiner Herkunft und Bestimmung, auch das Ziel der Entwicklung des Geistes bildet; und (c) diesen Entwicklunsprozeß als Ganzen als ihren Gegenstand begreift, beschreibt und in ihrer eigenen Struktur das Wirken und die gesamte Entwicklung des Geistes gleichsam "fraktal" nachbildet, von der sie selbst ein Teil, ja, dessen Endpunkt ist.

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Der berühmte Anhang in Schopenhauers Hauptwerk sei hier empfohlen, als die beste Einführung in die erkenntnistheoretischen Grundkonzepte Kants, die ja all den erwähnte Nachfolgern in weiten Teilen zugrundeliegen [schop].
Ähnlich empfehlen wir als kompakte, konsistente und gut lesbare Darstellung von Hegels System das gleichnamige Buch von Vittorio Hösle [hoes].

^Inh 2 Braßels Ansatz zur Re-Konstruktion der idealistischen Logik --- Versuch einer Zusammenfassung

Wie oben erwähnt, bedeutet das Wort "Logik" im Umfeld der Deutschen Idealisten nicht ein abstraktes Kalkül, wie etwa die "Boolesche Logik" oder die "Aussagenlogik" im Sinne von Mathematik, Kategorien- oder Modelltheorie. Es bedeutet auch nicht Argumentationsfiguren im Sinne antiker oder mittelalterlicher Rhetorik.

Vielmehr bezeichnet "Logik" etwas viel Grundlegenderes, Substantielleres und Konkreteres (ähnlich wie in manchen nicht-formalistischen Richtungen antiker Philosophie), nämlich den Katalog und das Regelwerk aller Operationen, die der menschliche Geist überhaupt zu vollziehen in der Lage ist, und ihrer Gegenstände. Diese Regeln selbst gelten nun, so behauptet der Idealismus, gleichermaßen beim Verarbeiten der Wahrnehmnungsdaten aus der Außenwelt, wie aber auch vor jeder Anschauung, im los-gelösten a-priori. In diesem Falle müssen die "Gegenstände", mit denen der Geist operiert, allerdings gegeben sein in ihrer aller-abstraktesten Form, als Platzhalter, die aber jederzeit mit konkreten Gegenständen aus Erfahrung und/oder Vorstellung ersetzt werden können. Die Gesetze allerdings, die Arbeitsweisen des Geistes, seien allemal dieselben, sei durchaus begrenzt, und diese Grenzen sind, ohne Rücksicht auf spezielle Gegenstände, durchaus erkennbar und exakt benennbar.

So kann der Geist z.B. sich denken, dass die "Sache X ist", also eine "Tatsache X zutrifft", oder eine "Beobachtung X gilt". Dann kann er sich aber ebenso leicht denken, dass dieselbe Sache "nicht ist", also dieselbe Tatsache "nicht zutrifft". Es wäre nun ein derartiges Grundgesetz der Logik, dass, bezogen auf einen konkreten Gegenstand der Erfahrung, beide Gedanken immer beide denkbar sind. Es wäre nun ein zweites Gesetz, dass beide Gedanken (bezogen sogar auf jeden beliebigen Gegenstand) allerdings völlig unmöglich sind, wenn der Geist sich bei beiden denselben Zeitpunkt denkt. D.h. beide können gelten, aber nicht gleichzeitig. Das kann dann in weiteren Schritten führen zu einem Begriff des "Nacheinander", oder aber des "Werdens" (erst gilt "a", später gilt dann "nicht-a"), was wiederum nur gedacht werden kann, wenn es "Mischungen" gibt ("noch fast a, aber schon ein bisschen nicht-a") und Trennungen ("ab hier nenn' ich das nicht mehr a, sondern nicht-a").

Begriffs-Folgen wie diese (die allerdings rein hypothetisch ist und keinerlei Anspruch auf irgendeine Bedeutung erhebt als auf die, ein anschauliches Beispiel zu sein) sind es nun, die ansatzweise bei Kant, dann aber systematisch bei Fichte und den anderen Idealisten aufgestellt werden, um die grundlegenden Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Operation des Geistes darzustellen.

Sie werden allerdings nicht nur dargestellt, sondern vielmehr abgeleitet, meist durch erwähntes dialektisches Prinzip: Immer wenn ein Begriff an seine Grenze stößt, oder an sein Gegenteil, generiert das einen neuen, komplexeren Begriff. Die Anwendung einer solchen generischen Regel (statt munterem Brain-Storming und sprudelndem Einfallsreichtum) ist es nämlich, die die Autoren behaupten läßt, der aufgeführte Katalog von Begriffen, Handlungsmöglichkeiten, Kategorien, etc. sei vollständig. Wenn eine solche Ableitungsfolge wieder an ihren Anfang zurückkehrt, oder mit einem allumfassenden Begriff endet, oder mit einem völlig widerspruchsfreien, etc., dann scheint die Vollständigkeit des zurückgelegten Weges evident.

Wenn nun Sprache und Sprechen unmittelbares Walten des Geistes sind, dann sind Sätze, resp. Satzformen, resp. Begriffe, genau die Atome, aus denen sich die Logik in diesem Sinne aufbaut.

Um nun eine neue (aber nicht als neuartige, sondern als rekonstruiert intendierte) Grundlegung einer solchen Logik zu erstellen, verwendet Braßel in seinem Werk [bra] eine Technik von verblüffender Einfachheit:

Zunächst widerspricht er dem in den verschiedensten Bereichen und Schulen von mathematischer Logik, Sprachwissenschaft, Philosophie, etc., seit ca. einem Jahrhundert behaupteten und fast immer (angeblich fast immer) durchgehaltenen Verbot der Selbstanwendung. Dieses wurde realisiert über teils komplizierte Zwischenschritte wie Typtheorien, und hatte als Anlass, bestimmte Antinomien wie die der Russelschen "Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten" zu vermeiden.

Braßel meint nun, dass damit (verbotenerweise !-) das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Nachvollziehbar argumentiert er, dass Sprache, die menschliche Sprache, ja eben nicht in Objekt- und Meta-Ebene getrennt funktioniere, sondern es zu ihrer ursprünglichen Funktionalität gehört, über sich selbst zu reden.

Und zwar, so wollen wir hinzufügen, zu einer unter bestimmten Umständen sogar eminent wichtigen Funktionalität, man erwäge nur die dramatischen Verwicklungen nach dem Muster "Ich habe gehört, du hast (/hättest/habest) zu XY gesagt, ich hätte gesagt ...", quer durch alle Bildungsschichten, zwar mit unterschiedlichen Verbformen, aber mit stets ähnlichen Konsequenzen ...

Erlaubt man nun derartige Selbst-Anwendungen, so findet man schnell Sätze, die sich selbst widersprechen, und damit die gegenteilige Aussage (in gewissem Verständnis des Wortes) beweisen.
Die Argumentation ist (stark vereinfacht!) wie folgt: jemand, der den Anspruch erhebt, ernsthaft zu argumentieren, kann den Satz "w" garnicht behaupten, ohne die Grundlage, auf der dieser Satz einzig zu beweisen, ja, zu formulieren ist, selbst zu zerstören. Also ist der Satz "w" widersprüchlich und sein Gegenteil muss angenommen werden.

Ein (wiederum stark vereinfachtes) Beispiel ist die Aussage "Es gibt keine Wahrheit." (vgl. Satz 1.1.1)
Wird diese mit dem Anspruch auf Wahrheit vorgetragen, widersprichen sich "innere Aussage", die im Satz formulierte, und "äußere", die im Akt des Vortragens der Aussage selbst besteht.

Hingegen nennt er "stabil unter Selbstbezug" eine Aussage, die ihren Wahrheitsgehalt nicht ändert, wenn sie auf sich selbst angewandt wird. Dadurch definieren sich sog. "positive Eigenschaften".

So ist "nützlich" eine positive Eigenschaften, denn es ist nützlich zu wissen, dass etwas nützlich ist.
"Angenehm" ist hingegen nicht stabil unter Selbstbezug: es kann sehr unangenehm sei, zu wissen, dass etwa angenehm ist, siehe Tantalos.

Nach diesem Muster, -- innere Aussage des Formulierten vs. äußere Aussage des Sprechaktes, -- und weiteren, ähnlichen Mustern, werden im Verlaufe des Buches systematisch ca. 50 verschiedene Sätze herausgearbeitet, deren Gegenteil nicht behauptet werden kann.

Typische Beispiele, die vielleicht auch schon einleuchten, ohne die genaue Argumentation nachzulesen (was aber allemal empfohlen sei!-), sind ...

  1. "Nicht alle Begriffe sind völlig klar." (Satz 1.2.10)
  2. "Nicht alle Begriffe sind völlig unklar." (Satz 1.2.2)
  3. "Jeder Begriff, der uns nur teilweise klar ist, kann uns klarer werden." (Satz 1.2.14)
  4. "Der Begriff der Wahrheit kann nicht durch seine Extension erschöpft werden." (Satz 1.3.9)
  5. "Es gibt keine völlige Trennung zweier Gegenstände." (Satz 1.7.4)

Dieses Herleitungs-Verfahren findet sich so oder ähnlich auch bei anderen Autoren, wie Wandschneider, dem Lehrer, und Hösle, dem Mitschüler, wird aber hier extensiv und ausschließlich angewandt, und steht hier auch als solches im Zentrum des Interesses, -- das Verfahren selbst wird betrachtet und seine verschiedenen Varianten genauer erforscht.

Leider nennt der Verfasser die gewonnenen Sätze manchmal "absolute Wahrheiten". Wir bevorzugen den ebenfalls verwendeten Ausdruck "Unhintergehbarkeit". Wenn auch erster wort-wörtlich nicht falsch ist, es sind halt Wahr-heiten die ab-gelöst sind von empirischem Input, so sind doch in der Geschichte "im Namen der Wahrheit" die schlimmsten Scheiterhaufen aufgerichtet worden, -- eine gar "absolute" Wahrheit läßt noch Schlimmeres befürchten.
"Unhintergehbar" hingegen bringt schön das Grundprinzip der Herleitung dieser Sätze auf den Punkt und hat nicht derart böse Assoziationen ...

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Aus den teils sich komplementär ergänzenden, ja widersprüchlich scheinenden Sätzen folgt nun, dass eine "Logik" als vollständiges System, welches die menschlichen Erkenntnisformen beschreibt, im Sinne obiger Einleitung, in einem dynamischen Prozess konstruierbar ist: Immer wenn Begriffe an ihre Grenze stoßen, oder an die Grenze eines komplementären Begriffes, kann und muss das System um vermittelnde Regeln und Begriffe erweitert werden.

(Nebenbei: Dass "Begriffe" nur derart dynamisch/dialektisch konstruiert werden können, ist jedem Musiker evident, besonders Gitarren- und Klavier-Spielern: Dominant-Akkorde z.B. sind immer "Griffe", die unter ein spezielles Bildungs-Gesetz als ihren "Be-Griff" fallen, welches aber nie abschließend formulierbar ist. Durch neu-gefundene Griffe, so sie funktionieren, erweitert sich der Be-Griff!)

Indem die beschriebene Schlussart nun auf das Logik-System als Ganzes angewandt wird, wird in mehreren Schritten u.a. nachgewiesen ...

  1. dass es für jedes System, dass sich nicht selbst repräsentieren kann, immer Erweiterungsmöglichkeiten gibt, (Satz 2.2.3),
  2. dass es, wenn es nur Erweiterungen gibt, auch eine minimale Erweiterung gibt, (Satz 2.2.8),
  3. dass es für die Folge der Erweiterungen einen "Abschluss", einen "Grenzwert" gibt, (Satz 2.3.10), mit dem die "Ideale Logik" erreicht ist,
  4. dass alle positiven Eigenschaften der Idealen Logik innerhalb ihrer bewiesen werden können. (Satz 2.3.15)

Die einzuschlagende Strategie zur Konstruktion einer "Logik" ergibt sich folglich dazu, von einem Ausgangspunkt (der laut Satz 2.3.3 eindeutig gegeben ist) ausgehend mit schrittweiser, systematischer, je minimaler Erweiterung (deren Methode sehr viel genauer spezifiziert ist als hier in dieser Zusammenfassung wiedergegeben werden kann) zu dem nontwendigerweise am Ende stehenden, sich selbst widerspruchslos beschreibenden Gesamtsystem zu kommen. Dies ist das im Titel der Arbeit angekündigte "Programm der Idealen Logik".

Seine Durchführung hat streckenweise in den Arbeiten der verschiedensten Autoren der Vergangenheit durchaus stattgefunden, wird in Braßels Arbeit selbst weitergetrieben, und bleibt aber als Aufgabe für künftige "gemeinsame Anstrengung vieler Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen", die einerseits Fachexperten sind, und sich "ebenso als Philosoph vestehen [müssen]", nicht zuletzt weil die "vollständige und überzeugende argumentative Erschließung wohl noch viele Jahre in Anspruch nehmen wird."

In diesem Sinne wählten wir ganz oben stehendes Motto.

Als Ergebnis stünde dann eine ausformulierte "Logik" als "Denk-Lehre", die die Eigenschaften der menschlichen Vernunft und die ihr möglichen Operationen vollständig beschriebe, und damit sich selbst. Sie wäre die Grundlage, in der jede "Teilwissenschaft", also "Fachdisziplin" ihre Methoden und begriffe einordnen könnte, und alle diese könnten aber auch aus den abstrakteren Formulierungen in der "idealen Logik" abgeleitet werden, durch "Instantiierung".

Das ein solches Gesamtsystem nicht nur äußerst zweckmäßig wäre, besonders wegen der letztgenannten Eigenschaften, sondern auch ästhetisch durchaus befriedigen könnte, ist offensichtlich. Laut unserem Autor ist es tatsächlich erreichbar, -- und das sei nicht nur seine Überzeugung, sondern könne mit den vorgestellten Beweismethoden sogar bewiesen werden.
(Zugestanden, -- zumindest der Möglichkeit nach. Denn, ob wirkliche Menschen sich der wirklichen Mühe unterziehen, das ist jenseits aller Beweisbarkeit!-)

Als Schluss der Gedankenkette weist ein größerer Bedeutungszusammenhang weit über das Reich des Rein-Ästhetischen hinaus: nicht zuletzt soll "eine überzeugende Neuauflage" des objektiven Idealismus in der Lage sein "der menschlichen Existenz einen positiven Sinn zuzuschreiben." Davon allerdings wäre die Ideale Logik ein wesentlicher Baustein, ja, Grundstein.

^Inh 3 Kritik, Einordnung und Ausblick

Der gesamte Ableitungsvorgang, wie im Werke präsentiert, liest sich nun sehr flüssig, angenehm, überzeugend und selten zu Widerspruch reizend. Dennoch aber sind selbstverständlicherweise kritische Einwände möglich.

Zunächst einmal eher technische Kleinigkeiten, die vielleicht nur aus einem mangelnden Verständnis durch den Rezensenten kommen:

[1]
Als Beweis zu Satz 2.3.10, dass es allemal einen Abschluss bei der Entwicklung der idealen Logik geben muss, wird akzeptiert, dass der Beweis des Gegenteils nicht möglich ist. (Er setze ein unendliches Bezugssystem voraus, um die Unendlichkeit des Ziel-Systems zu beweisen, o.ä.)
Ist dies wirklich überzeugend?
Ist nicht die Vorstellung eines unbegrenzten, über alle Grenzen sich weiter-denkenden Geistes die sympathischere?

[2]
Satz 2.3.3 sagt, der Ausgangspunkt jeder Entwicklung sei entweder "das Eine", oder aber alle Gegenstände gleichermaßen, was effektiv dasselbe wie "das Eine" bedeute. Der Ableitungsprozess in vorliegender Arbeit aber beginnt dementgegen vielmehr mit "Die Wahrheit". Dies scheint auch, im Gegensatz zu jener Forderung, eine durchaus glückliche Wahl!?

[3]
Der Unterschied zwischen "Satz" und "Folgerung" wird uns nicht klar (und ist in obigen Stellenangaben auch egalisiert worden!), ebensowenig der zwischen "Beweis" und "Begründung".

[4]
Überhaupt, -- zeigen nicht sowohl moderne Hirnforschung (die trotz all ihrer Beschränktheit ab und zu doch wertvolle Hinweise liefert) und neuere Verhaltensforschung, dass "Begriff" auch etwas Vor-Sprachliches sein kann? "Schnell zufliegende Gegenstände, denen auszuweichen sinnvoll ist", oder "Abgründe denen zu nahe zu kommen nicht ratsam", etc., sind das nicht auch Zusammenfassungen von Erfahrungen und Vorstellungen, die gleichartiges Handeln unabhängig von den Einzelheiten verlangen, also -- "Begriffe"? Hat solche folglich auch das Tier? Leben Begriffe also (Kantisch gesprochen) nicht nur auf der Ebene der Vernunft, sondern auch schon auf der des "Verstandes"?
Allemal ist das Verfahren der Selbst-Anwendung auf dieser Ebene offensichtlich noch nicht anwendbar.
Steigen hier die Konturen des Geistes erst langsam aus dem Bodennebel des reflexhaften Verhaltens auf, so können wir in dieser Zone des Überganges aus der Selbst-Anwendung vielleicht ein schön anschauliches Kriterium für den Beginn des Selbst-Bewußstseins ableiten, für die Zone des Umschlagens der Quantität der Informationsverarbeitung in die Qualität der Vernunft.

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Die wesentlichen Einwände aber sind politischer Natur: Beginnen wir gleich mit "dem ersten Satz", Satz 1.1.1:
"Es gibt Wahrheit."

Wir stimmen durchaus zu, dass diesem Satze die Eigenschaft der "Unhintergehbarkeit" zuzusprechen ist.
Dennoch gibt es aber Widerlegungsmöglichkeiten!

Zum Beispiel diese:
"Es gibt Wahrheit? So what?"

Das Argumentationsmuster "Stabilität unter Selbstbezug" ist nämlich nur dann anwendbar, wenn "Vernunft mit Vernunft" redet. Oder gar "reine Vernunft mit reiner Vernunft".

"Vernunft gegen Verschlagenheit" zieht allemal den Kürzeren.
"Es gibt Wahrheit."
"So what? Die Lüge ist doch viel zweckmäßiger/unterhaltsamer/interessanter/gewinnträchtiger/...!"

Dagegen hilft auch nicht der Einwand der "Instabilität unter Selbstanwendung", denn wer so zu argumentieren beliebt, wird sich vor Selbstanwendung hüten!

Ja, schlimmer noch, wer sich bewußt der Un-Wahrheit bedient, braucht ja noch nicht einmal der hier angedeutete Decadent oder Kriminelle zu sein, --- wie viele tagtäglich-tragische Situationen sind nicht bekannt, in denen aus ethisch überaus hochstehenden Gründen nicht der Wahrheit der Vorzug gegeben wird, gegeben werden kann!

Und "Vernunft"? Ist das denn selber noch eine positive Kategorie?

Wenn Heinrich Himmler in der Posener Rede formuliert, es sei "ein niemals zu schreibendes Ruhmesblatt", dass die SS-Männer bei "diese[r] schwerste[n] Aufgabe" angesichts der (nicht-metaphorischen) Berge von Ermordeten "anständig geblieben sind", "wir hatten das moralische Recht, dieses Volk [...] umzubringen", "dass er es das nächste Mal wieder tun würde, [...] wenn es notwendig [sic!] ist", --- kann auf eine solche Um-Wertung von Worten und Begriffen anders reagiert werden als mit dem Entsetzen eines Ionescu, Beckett, Celan, wo das Zersplittern der Syntax, das Verflüchtigen der Wortbedeutungen und die Leugnung jeder Logik nur das in der Sprache schaudernd nachvollzieht, was wahnsinnige Verbrecher in der Realität vor-exerzierten, ungestraft vor-exerzieren durften, und sich dabei noch (allen Ernstes) im Besitze von Recht, Verantwortungsbewußtsein und Vernunft wähnten?

Ist es noch möglich, sich auf Logik und Vernunft zu berufen, wenn man sich damit, offensichtlich, in eine Gemeinschaft mit derart kranken Hirnen begibt?

Stoßen da nicht Logik und Vernunft an harte, unübersteigbare, auf ihre eigene, heimtückische Art ebenso "unhintergehbare" Grenzen?

Ja, das tun sie. Und Logik und Vernunft haben unter der ekelhaften Barbarei des wahnsinnigen Verbrechens endgültig ihre Unschuld verloren. Jedenfalls haben sie nicht geholfen.

Aber dass sie Grenzen haben, leugnen ja auch ihre Verfechter nicht.

Ein wichtiger Einwand gegen Systeme wie die "ideale Logik" richtet sich nicht also nicht gegen Methode, Faktur und Gehalt, sondern versucht, ihren Geltungsbereich vorsorglich einzugrenzen:
"Wahrheit wird gemacht", wird der dialektische Materialist antworten, "die Basis bestimmt den überbau", und die nackte Gewalt kann immer noch bestimmen, was Menschen für wahr halten dürfen.
Durch eine Handlung kann man sie Wahrheit fördern und negieren, -- sie muss nicht nur erkannt, sie muss auch realisiert werden!

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Allemal kann "Logik" und "logisches System" nur als Ein Baustein unter anderen gelten, allemal sind ethische Fragen mit Mitteln der Logik nicht zu lösen.

Wenn es Ziel der Entwicklung des menschlichen Geistes ist, eine GuPhi zu entwickeln, eine "Grand Unifying Philosophy", dann kann dies nur als ein Rahmenwerk verstanden werden, in welches verschiedenartigste Überzeugungen, Ansichten und Praktiken sich einfügen können. Mit dessen Hilfe Gemeinsamkeiten erkannt und benannt werden können, genauso wie Widersprüche. Eine "ideale Logik" scheint dafür durchaus als Grundraster geeignet.

Obwohl sie keinesfalls inhaltsleer und wertfrei daherkommt! Sehr dankbar sind wir für das Beispiel des "endlichen deterministischen Automaten" (Kap. 1.5.3), der sich nicht selbst als solcher erkennen kann. Hier wird mit dem einfachen Verfahren der Selbst-Anwendung jeglichem naiven Reduktionismus ein für allemal eine Abfuhr erteilt!

Sehr sympathisch am Gesamtkonzept ist auch, dass nicht nur (und allemal!) der Geist mit sich selbst spricht, sondern potentiell immer auch ein Geist mit dem anderen. Die Fortentwicklung des Systems, durch Widerspruch und Erweiterung, kann theoretisch ebenso intra- wie inter-subjektiv erfolgen, -- in praxi wohl eher auf letztere Weise.

Dem Musiker jedenfalls ist klar, dass "der Geist" nur dann zu seiner vollen Selbst-Gewißheit gelangt, wenn er sich in Individuen aufspaltet, deren jedes jeweils ausschliesslich einer ausgewählten aus seinen unendlich vielen Möglichkeiten konsequent folgt und sie ohne abzuweichen zu einem möglichen Abschluss bringt.
Mozart musste den Mozart-Weg gehen, und konnte nicht auf der Hälfte entscheiden, doch ein Händel zu werden, und zwar aus un-abweisbaren, natur-notwendigen Gründen von sozialem Verband und Gehirn-Entwicklung.
Der rezipierende Geist erst, die erkennende Vernunft kann nun, gerade durch diese jeweilige Konsequenzhaftigkeit, die allein sie zu schönster Blüte trieb, die Händelsche und die Mozartsche Motiv-Verarbeitung, Harmonik-Disposition, mehrstimmiger Stimmführung etc. vergleichend zusammenführen, und (dialektischerweise) nur dank der jeweiligen Beschränkung einen Begriff von der Gesamtheit aller Möglichkeiten nach-schaffend re-konstruieren.

Die Idee, dass der Geist sich spalten muss, um sich als Ganzes wiederzufinden, klingt an in den letzten Sätzen von Braßels Programm der idealen Logik, wo zukünftige (mehr oder weniger "geschlossene") Systeme nur als Gemeinschafts-Leistung überhaupt möglich behauptet werden.

In diesem Sinne sind sämtliche voranstehenden Kritikpunkte als Beiträge gemeint, als Fragen nach möglichen "System-Erweiterungen", wie sie ja zentraler Bestandteil der Methode selber sind.

Und ebenso in diesem Sinne wünschen wir dem "Projekt der idealen Logik" von Herzen bestes Gedeihen.

^Inh 4 Nachwort, in Parenthese

Ausgangspunkt einer ersten Diskussion zwischen Autor und Rezensenten war gewesen unsere Behauptung, dass man vom "Ding wie es ist", von der "Welt an sich" immer nur Modelle haben könne, und über diese Modelle urteilen, und in diesen. Niemals aber könne man über die Sache selbst irgendwelche Aussagen machen.

Die Ausführungen im Programm der idealen Logik haben uns durchaus eines Besseren belehrt: es sind in der Tat etliche Aussagen über das Ding selbst möglich, ja sogar überprüfbar, ja sogar beweisbar. Es muss allerdings dies eine spezielle "Ding" sein, die Logik, der Geist, die operativen Bahnen unserer Vernunft.

Dann, so sind wir dankbar bereit zuzugestehen, sind mit dem "Trick" der Selbst-Anwendung fruchtbare, sichere und durchaus beruhigende Erkenntnisse möglich.

Wir allerdings meinten damals, und vergaßen das explizit zu sagen, auch nur eine bestimmte Art von Ding, nämlich das "musikalische Kunstwerk". Dass dieses weiterhin ein transzendental Geschiedenes, an sich Nicht-Erreichbares ist, ist mit dieser Methode nicht zu beheben.
Glücklicherweise, denn was als Manko erscheinen mag ist tatsächlich ein großer Gewinn. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

[bra]
Bernd Braßel
Das Programm der idealen Logik
Königshausen & Neumann, Würzburg, 2005
ISBN 3-8260-3069-9

[hoes]
Vittorio Hösle
Hegels System. Der Idealismus der Subjektivität und das Problem der Intersubjektivität.
Felix Meiner, Hamburg, 1987

[schop]
Arthur Schopenhauer
Die Welt als Wille und Vorstellung I, Anhang: Kritik der Kantischen Philosophie
Brockhaus, Leipzig, 1858


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