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| ^inh 2026040900 | monograph |
Lieber C.!
Sehr schön, dass Du Dich zuerst mit dem Lohengrin beschäftigt hast, und nun auf's Rheingold übergehst. Das ist nämlich ganz genau die Reihenfolge, die ich "Wagner-Neu-Einsteigern" immer empfehle!
Warum?
Zunächst einmal ist Lohengrin ein perfektes und wohl jeden Hörer überzeugendes Werk: Ereignisreiche Handlung, tiefe Gefühle, Urerlebnisse, gegossen in eingängige und haftenbleibende Melodien, schillernde Orchsterfarben und (meist sanfte) Harmonik. Und alles übergossen mit den Zauber des Märchenhaften: Die sphärischen Könge des Vorspiels und die silbernen Trompeten, die auf einmal "ihrer Situation bewußt werdend", das Gralsmotiv über das Land aussenden.
Lohengrin ist zweifellos der Höhepunkt der Oper der deutschen Romantik.
Aber es ist eben auch ein Endpunkt!
Was soll denn danach noch kommen? Wird sich auch der
Dichter und Komponist gefragt haben, der ja vom Holländer über
Tannhäuser bis hier die romantische Oper immer weiter getrieben hatte:
Duchkomponiert und durchgehend, jeder Abschitt organisch und durch
Psychologie der Handlung und des Klanges in den nächsten unmerklich
übergleitend, und als solcher kaum noch ins Bewußtsein dringend.
Dennoch aber immer noch präsent: Arien, Lieder, Duette
treten immer noch auf, fast wie in der alten Oper,
sind aber auf das natürlichste
in den durchgehenden Fluss des Ganzen eingebettet.
Aber der Dichter-Komponist wusste ja, wie's weitergeht: Der Ring war ja längst geplant und gedichtet, zumindest in Prosa.
Da aber stellten sich dann, als es an's Komponieren ging, ganz andere Fragen: Wenn vier Szenen und sechs Akte und nochmal zwei Szenen und drei Akte konstruiert werden sollen, das Ganze funktionieren, zusammenhalten, stabil stehen, überschaubar sein, hörbar sein, erinnerbar sein, dann muss ganz-ganz langsam begonnen werden, dann muss das Fundament, das hier im Rheingold gelegt wird, stabil und tragfähig sein.
Diese Langsamkeit, Bedächtigkeit, Gründlichkeit zeigt sich schon im allerersten Anfang: die einhundertsechsunddreißig Takte Es-Dur des Vorspiels, in denen nichts anderes passiert als dass der allererste Ton sein Obertonspektrum entfaltet.
Und auch die Ebene der Harmonik drei Etagen höher ist langsam: Das Es ist "lediglich" Dominante zu As, in welchem die Rheintöchter spielen und schwimmen, und das wiederum Dominate zu Des. Mit dem beginnt dann, nach bereits einer halben Stunde, mit der zweiten Szene das eigentliche Werk, in welchem dann wieder die "Einheit der Zeit" herrscht. Alles davor ist Vorspiel.
"Vollendet das ewige Werk" -- beides falsch: es wird nicht ewig halten, und wir haben gerade erst angefangen. Aber hier erst ist endlich Des-Dur erreicht, die Tonika das Gesamtwerkes, in welcher es schließen wird, am Ende der Göttedämmerung. Welch Triumph der Langsamkeit. Aber auch dringend nötig.
Und ein zweites ist anders: Die Leitmotive. Die sollen dazu
diehnen, die kommenden sechzehn Stunden zusammenzuhalten.
Und sie sind grundlegend neu, jedenfalls in dieser Menge und
Wichtigkeit.
Zwar gibt es sie in der Oper schon lange, in ihrer weitesten Definition
sogar schon immer: Schon in ihren ersten Regungen am Ende der
Renaissance gab es Ton- oder Klangfolgen, die mit individueller
Bedeutung aufgeladen wurden und wiederkehrten, um den Hörer zu erinnern,
um Erlebniskontext herzustellen.
Deutlicher wurden sie daraufhin in den verschiedenen Spielarten von Oper
in Paris und Venedig, bis hin zur deutschen Romantik mit
Spohr und Marschner.
Systematisiert und zur Grundlage der großformalen Architektur erhoben aber hat sie Wagner, und zwar aus Notwendigkeit, zu oben aufgezählten Zwecken.
Im Lohengrin gibt es dergleichen kaum. Höchstens sind zu nennen:
Der ach so berühmte "Hochzeitsmarsch" wird z.B. nicht als Leitmotiv weiter verarbeitet, wie Wagner es in jedem späteren Werk sicher getan hätte, sondern einfach so unvermittelt herumstehen gelassen!
Also ganz anders als im Rheingold, wo die "Motivführer" über sechzig Motive herausarbeiten (siehe z.B. diese Synopse verschiedener Listen) und wo praktisch alles aus solchen abgeleitet wird: Die Fläche des Anfanges wird gefüllt mit dem "Naturmotiv", dann kommt der "Rheintöchtergesang", das "Krötenmotiv", die "Rheingoldfanfare", der "Rheingoldruf", der "Liebesfluch", das "Ringmotiv", welches "gemorpht" wird in das "Walhall-Motiv", und so geht es pausenlos weiter.
Die Namen sind teils skurril, teils wirklich unpassend, sollten also meist nur als "Labels" aufgefasst und verwendet werden. Aber keine Angst: auch wenn Du sie nicht immer bewusst identifizieren kannst, so "verrichten sie doch ihr stilles Werk" und halten das Ganze auf bewunderungswürdige Weise zusammen.
So kannst Du, lieber C., also in der Kombination
"erst Lohengrin, dann Rheingold", so anschaulich wie
überhaupt nur möglich den Übergang von der Romantik zur Moderne erleben,
die Zeit "vor" und "nach" Wagner, den Höhepunkt des Konventionellen
und den Beginn des Radikalen.
Und das nicht nur in der Frage von Timing und Leitmotiven, sondern in
fast allen Parametern von Musik und Handlung: Instrumentation,
Satztechnik, explizite Psychoanalyse, politische Metapher,
und Transzendierung der Wirklichkeit in eine höhere Wahrheit.
Bei all dem wünsche ich viel Vergnügen.
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