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2016030600 Durchsetzen und Überleben
2016030601 Durchsetzen
2016030602 Überleben
2016030603 Das Irdische Leben -- Betrieb als Filter
(Durchsetzen II)



^inh 2016030600 phaenomen
Durchsetzen und Überleben

Die einzige wirklich überzeugende Antwort auf die Theodizee fand Verfasser im Werke Lokaltermin von Stanisław Lem. Dort [lem, ab S. 144] wird die "Theorie der Drei Welten" des entianischen Philosophen Xirax kurz entwickelt:

Die erste der drei denkbaren Welten ist die unsrige, die real erfahrbare. Diese ist nicht gerecht. In ihr ist "Vernichten leichter als Schaffen, Peinigen leichter als Beglücken, Verderben leichter als Erlösen, Töten leichter als Beleben."
Die anderen beiden denkbaren sind die "unparteiische", in welcher das eine so leicht wie das andere, und die "wohlgesonnene", in welcher "erlösen, schaffen und beglücken leichter als verderben, töten und peinigen" wäre.

In Auseinandersetzung damit zeigt aber Rahamasterax, dass in diesen beiden Alternativwelten "sich das Leben ...lawinenartig vermehren würde." Die unparteiische Welt würde also in Kürze ersticken, die wohlgesonnene müsste restringierende Maßnahmen gegen das Leben zum Schutze des Lebens ergreifen, was das Ende jeder Freiheit bedeutete.

Dieses Ergebnis aber zeigt nicht nur überzeugend die unhintergehbare "Notwendigkeit der Schlechtigkeit der Welt", gegen die folglich auch ein allmächtiger Gott nichts ausrichten könnte. Es läßt sich auch übertragen auf künstlerisches Schaffen, Durchsetzbarkeit und Überleben.

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Dabei zeigen sich in der Tat ja schlimme Zustände:

(A)
Die mit viel öffentlichem Gelde unterhaltenen öffentlichen Institutionen gefallen sich darin, mit viel Tamtam und Brimborium die ältesten Kamellen ad nauseam zu wiederholen. Man schaue in das Jahresprogramm eines städtischen Abonnement-Konzertes oder in die "Play-List" eines beliebigen Senders für "Klassische Musik" innerhalb einer beliebigen Woche: Dort wird man vier bis sieben Mal die Jupitersinfonie finden, und ebenso oft Mendelssohns Violinkonzert. Für andere Schlager gelten ähnliche Zahlen! Damit läßt sich Sendezeit lücken- und gefahrlos füllen.
Hingegen finden nur in wenigen Minuten am Tage die Tausenden von komponierenden Zeitgenossen statt, -- immer noch besser vertreten als die inzwischen völlig verschwiegenen und vergessenen Meister wie Bungert, Raff, Kiel, Bargiel, Spohr, Nietzsche, Hahn, Rudorff, Draeseke, Bruch, Schoeck und unzählige weitere.

Dabei machen sich jene Institutionen einer dreifachen Perfidie schuldig:

Erstens vermischen sie Kitsch und Kunst, entweder aus Unkenntnis, oder aus Feigheit, wie sich an dem nicht unüblichen Aufeinanderprallen oben genannter beider Werke zeigt: flachestes Unterhaltungsgedudel und Perlen der Menschheitsgeschichte rührt der fleißige Musikredakteur zu einer Einheits-Suppe: er darf ja nicht den Eindruck erwecken, zu meinen, er verstünde mehr von Musik als sein Hörer, -- das würde den Quotenbringer verärgern, und der Kunde ist ja König. Also wird dessen Geschmack und Un-Geschmack brav perpetuiert, ein sich selbstbestätigender Teufelskreis.

Zweitens erniedrigen sie das wahre Kunstwerk zu billiger Verfügbarkeit: Verfasser braucht, um ein Werk wie die Jupitersinfonie zu hören, sieben Tage: drei der Vorbereitung, aus der Partitur spielen, lesen, denken; dann das akustische Erleben; dann mindestens drei Tage, in denen das Gehörte immer wieder anklingt, ausklingt und verarbeitet wird. Drei, vier, vielleicht fünf wirkliche Musikerlebnisse pro Jahr ist das Maximum des dem Menschen Zuträglichen. --- Wie verträgt sich ein angemessener Umgang dann mit einer vierfachen Ausstrahlung pro Woche? mit fortgesetzter Beschallung? mit marktkonformer Beliebigkeit?

Drittens haben die Anstalten, jedenfalls die mit öffentlichem Geld und Zwangsbeitrag betriebenen, ein solch anbiederndes Verhalten ja garnicht nötig: Ihre wesentlich Aufgabe sollte die Ausbildung des Rezeptionsvermögens sein, die Bildung des Verständnisses, die Hebung des Anspruchs und ein Hinleiten zu Enthaltsamkeit und Disziplin, Vertiefung und Auswahl, Versenkung und Bewußtheit. Dies wäre ihre Aufgabe, und dafür wäre kein Geldessumme zu hoch. Diese aber wird nicht nur verfehlt, nein, sie wird konterkariert, wobei wir nicht wissen, ob oberflächliche Selbstgefälligkeit oder vielmehr doch Angst vor den Konsequenzen schon des Versuches der Beseitigung der durchaus erkannten Unzulänglichkeiten die Ursache ist. Beides ist schmählich, letzteres vielleicht ein wenig weniger.

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(B)
Bei dem Randbetrieb der dezidierten Förderung "zeitgenössischer Musik" zeigen sich ähnliche Zustände: die Mafia regiert. Unverständliche, verkopfte, weder klanglich noch melodisch noch rhythmisch in irgendeiner Weise sinnvolle Produktionen werden mit viel Geld und Aufwand und öffentlichem Lob produziert, wobei immer dieselben etablierten Professoren, Komponisten und Jury-Mitglieder sich gegenseitig immer dieselben Preise und Stipendien und Aufträge zuschanzen.
(Verfasser meidet solche Veranstaltungen, aber gruselige Beispiele aufgeblähten Nichts waren in letzter Zeit Das Mädchen mit den Schwefelhölzern und eine Gesche-Gottfried-Oper.)

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Die Welt ist schlecht!
Und ungerecht!
Hier nun helfen uns Xirax und Rahamasterax, denn sie beweisen: sie MUSS so sein.
In aller Naivität könnte man sich ja auch vorstellen eine Welt, wo die vielen begabten lebenden Komponisten, jenseits der Neue-Musik-Mafia, ihre Sendezeit im Rundfunk, ihren Platz im Konzertprogramm bekommen.
Wo auch die vergessenen Romantiker wieder zu bewegenden und erregenden Produktionen erweckt werden.
Wo jedes künstlerisch Schaffende, egal welcher Gattung und Geschmacksrichtung, ein staatliches Grundeinkommen bezöge, das es in die Lage versetzte, sich voll und ganz dem zu schaffenden Werke zu widmen.
Wo auch (nicht zuletzt !-) Verfasser selber mal die Chance bekäme, gehört zu werden ...

So ist doch klar, dass eine solch "wohlmeinende" Welt bald am Überangebot ersticken würde. Es ist hart, aber ungerecht, dass der Konkurrenzkampf, das Verdrängen, ja, das Vernichten des Mitbewerbers einzig und allein deshalb notwendig scheint, damit überhaupt noch ZEIT bleibt, die Überlebenden zu rezipieren. Nicht die Ressourcen der Produktion sind begrenzt, wir leben im mit reichsten Land der Erde, und was, wenn nicht die Freiheit der künstlerischen Hervorbringung, kann, neben der Wohlfahrt der Krankesten und Schwächsten, ein solches Überfluss- und Ausbeutungs-System in ethischem Sinne überhaupt rechtfertigen?

Aber die Menge des Rezipierbaren ist beschränkt.
Selbstverständlich ist das profitorientierte Verbreiten von Dummheit, wie es die Massenmedien, auch die "besseren", systematisch betreiben, verdammenswert. Es ist nicht nur ein Hindernis auf dem Wege der Höherentwicklung von allgemeinem Bildungsstand, Erlebnisfähigkeit und Bewußtheit, nein, es ist auch tatsächliche Gefahr für deren Erhalt.
Es ist nicht nur verdammens- sondern auch bekämpfenswert, was dankenswerterweise wichtige Institutionen (Adorno, Willemsen, Kalkofe, etc.) ja auch begonnen haben.

Dennoch aber, selbst wenn es diese institutionalisierte, gleichsam geheiligte Dummheit nicht gäbe, -- der Weltgeist will sich sammeln, will diskutiert werden, will allgemein werden, will sich beziehen auf Weniges, um sich daran festmachen zu können. Deswegen überleben wenige, gehen viele zugrunde. Der Qualitätsunterschied zwischen den Herren D.R. und G.S. kann garnicht so groß sein, dass es ethisch gerechtfertigt sein könnte, dass der eine die Professur für Komposition innehat und der andere an der Musikschule Kindern die Tonleiter beibringen darf. Deswegen gab es EINEN(1) "Stockhausen" und dutzende gleich begabte, gleich fleißige, gleich faszinierende, die keiner mehr kennt.
Deswegen müssen viele sterben, damit wenige leben.
Das ist aus der persönlichen Sicht bedauerns-, aber aus der allgemeinen begrüßenswert.

Sponsoring und Stipendien haben per se keinen tauglichen Maßstab zur Verfügung, nur Beziehungen, persönliche Überzeugungen und zeitgebundene Beurteilung. Sie sind kein geeignetes Filter für Zukunft und Innovation, sondern nur für Beharrung und Beharrlichkeit. Die Arbeit der Zeit kann nur die Zeit selber vollziehen.

Die Welt ist ungerecht, und das ist gut so.

[lem]
Stanisław Lem
Lokaltetermin
Insel-Verlag, Frankfurt, 1967



^inh 2016030601 phaenomen
Durchsetzen

Die Kids, die mit Spraydosen nicht nur die Betonwände bahntechnischer Überführungsbauwerke bearbeiten, sondern auch die Sitze der S- und Straßenbahnen, haben sich durchgesetzt! Sie haben gewonnen!

Seit ungefähr zehn Jahren nehmen die Design-Muster der Stoffbezüge genau dieser Sitze jedwede mögliche Betätigung schon vorweg, zeigen von Hause aus schon Muster verschlungener Tags, Bubbles und Spiralen, die man fürderhin nicht mehr anzubringen braucht, da das Establishment es schon selber macht. Das demotiviert. Denn wirklich auffällig wäre auf solchen Sitzen nur eine monochrome Großfläche.

Also hat die Masse und ihre Beharrlichkeit die ästhetischen Maßstäbe der uns täglich konkret umgebenden Realität nachhaltig verändert, ist hineindiffundiert in die ausübende Macht, ist Industriestandard geworden, ist Realisation des Zeitgeistes.

Herr Hegel hätte seine Freude dran.

Wie erfreulich: die Kunst, das Spiel zeigt sich wieder mal als Laboratorium für die Zukunft der "offiziell sanktionierten Wirklichkeit".
Und eine "Sub-Kultur" heißt nicht etwa "Sub", weil sie, verglichen mit einer "eigentlichen Kultur", einer "Hoch-Kultur", an Bedeutung, Vergeistigung oder Wucht "unter" dieser steht, sondern weil es nur Sub-Kulturen gibt, Unter-Kulturen im Sinne von Unter-Teilung, die zusammen dann, wenn alles gutgeht, eine Kultur ausmachen.
Da legt der Wortlaut durchaus Falsches nahe, und Verfasser war dem auch lange auf den Leim gegangen!



^inh 2016030602 phaenomen
Überleben

Wolfgang Hufschmidts Stephanus ist ein großartiges Werk, ein wichtiger Meilenstein nicht nur auf dem Weg der Entwicklung der Sprache der Neuen Musik, ihrer Medieneinverwendung und ihrer Möglichkeiten, ihrer Satz- und Klangtechnik, ihrer Notation und Synchronisation, ihrer Material- und Strukturhervorbringungstechniken.

Sondern auch rein rezeptiv: ein großartig-überwältigender Klangdom (obwohl er nichts weniger als das sein sollte !-) und ein überzeugendes-mitreißendes-motivierendes politisches Programm, zugleich Analyse und Anklage, Manifest eines christlich fundierten Sozialismus jenseits aller Diskutierbarkeit.

Dieses Werk zeigt aber auch die grundlegende Fragilität seiner Existenzform:
Es ist ein Quadrat aus sieben Sätzen und sieben ausführenden Schichten. Zu diesen gehören nicht nur Tonband und eine genau synchronisiert ablaufende Diaschicht, sondern auch ein TRIO, drei Instrumente, jedes mit Mikrophon aufgenommen und an einem sog. "VCS-3-Synthesizer" angeschlossen.

Der Verfasser hatte das große Vergnügen und die große Ehre, an zwei Life-Aufführungen beteiligt zu sein (unter Herrn Iver und zusammen mit Herrn Wittekopf).
Immer kannten die Beteiligten wichtige vorhergehende Aufführungen, das Wissen um die Hervorbringung des Werkes war sozusagen persönlich tradiert worden.
Dies bezieht sich z.B. auf Eigenheiten der Notation und auf Grundprinzipien der Synchronisierung. Diese ließen sich mit einigem Aufwand auch verbal festhalten.
(Außerdem ist der Wert dieser personengebundenen Tradierung keinesfalls neu, man sehe z.B. die Ausgabe der Wagner-Klavierauszuge durch Mottl, wo die "Bemerkungen des Meisters aus gemeinsamer Probenarbeit" minutiös verzeichnet wurden. "Hier hebt Wotan ein Schwert, welches von Fafner beim Abräumen des Hortes vergessen wurde, ...").

Viel kritischer aber ist der Zugriff auf die VCS-3-Synthesizer, und das Wissen, wie die nur grob vorgeschriebene "live-elektronische" Verschaltung denn tatsächlich zu klingen habe.
Beides ist nicht mehr gegeben.
Damit hat "das Werk Namens Stephanus als transzendental definiertes ästhetisches Objekt" eine wichtige Möglichkeit seiner Exprimierung auf immer verloren!
Es hat an Realität eingebüßt. Deutlich.

Dies aber soll hier nur als Beispiel dienen für viele Werke der heroischen Epoche der Neuen Musik, welche wohl auf immer verloren sind, aus diesen und ähnlichen Gründen.

Wir gedenken ihrer in tiefer Dankbarkeit.

Das am wenigsten in diesem Sinne für Verderb und Verrotten empfindliche Werk ist stets das am einfachsten festzuhaltende: die zweistimmige Invention in F-Dur, BWV 779, wird ewig leben.
Jedenfalls so lange jemand Noten lesen kann.
Denn sie besteht nicht in einem bestimten Klang, und sie besteht nicht auf einer bestimmten Realisierung. Sie ist reine Struktur und kann rein visuell genossen werden, oder zweistimmig gesungen, von Mensch wie von Computer, oder in Platin geritzt und ins All geschickt.
Ihre Existenzformen liegen näher bei einander, obwohl, nein, gerade weil ihre klanglichen Realisationen so weit auseinander liegen können. Ihre Substanz ist in höherem Maße identisch mit der Anordnung der Punkte auf dem Papier, als die eines so komplexen Werkes wie oben besprochen. (Wenn es denn von "identisch sein" graduelle Abstufungen geben möge !-)



^inh 2016030603 phaenomen
Das Irdische Leben -- Betrieb als Filter
(Durchsetzen II)

(In diesem Zusammenhange erlaube man mir den Nachtrag eines Fragmentes aus meiner Jugendzeit:-)

Sowohl die innere Kohärenz eines Lebenswerkes als auch seine Bedeutung und Ausstrahlung zeigen sich deutlich und allgemein erst nach dem forttragenden, verwirbelnden und wieder sedimentierenden Treiben der Zeit.

"Gauguin" z.B. als zusammenhängendes Ganzes wurde erst vor kurzem sichtbar, erst die vollständige Folge des Werkes in der Zusammenschau eröffnet Erkenntnis der Entwicklungslinien, der verborgenen Grundproblematik und des Fortschreitens auf ihre Lösung hin durchzunehmende Meisterschaft in den Mitteln, -- sein Werk als Impuls und Auftrag (und damit auch Näheres über die inneren Gesetze) noch später, als wir die, welche er seinerseits beeinflußte, auf ähnliche Weise zunächst als bedeutend erkannt und zusammengeschaut haben müssen, und Kenntnis über deren Kenntnis (rekonstruktiv) erworben.

Ergo ist es weder überraschend, noch unangemessen, daß auch der große Künstler zeit seines Lebens lange, oft lebenslang, unerkannt und in Armut hungert.

Ja, deshalb hungert er, weil das, was Wohlfahrt und Solidarität der Gesellschaft ihm evtl. an Geldmitteln zur Verfügung stellt, von ihm, dem inneren Drang nach Schöpfertum folgend, eher in Pinsel und Farbe investiert, als für ein Stück Fleisch ausgegeben wird, so wie der Alkoholiker sich billigen Rausch antrinkt, wohingegen die verlassene, viel ((UNLESERLICH)) Mutter vielleicht sogar nicht allzu ungesunde Ernährung und bescheidenes menschwürdiges Leben aus Mitteln der Unterstützung erzielt.


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