senzatempo - online

Kleines Archiv für Musikphilosophie


zu den Gesamtinhaltsverzeichnissen
2015053100 Offenbarung und Inspiration
2015053101 Die Kahlheit der Gipfel



^inh 2015053100 phaenomen
Offenbarung und Inspiration

Verfasser dieser Zeilen hat eine hinreichende, tiefsitzende Abneigung gegen alle sog. Offenbarungsreligionen, wo also menschliche Wesen (a1) behaupten, ein Text sei ihnen von einem höheren Wesen direkt eingegeben worden, und (a2) daraus den Anspruch ableiten, man müsse diesem Text gehorchen, -- in welcher Form dies alles auch immer. Wir halten das für einen dem mündigen, verständigen und aufgeklärten Menschen nicht zumutbaren Irrweg.

ALLERDINGS ist zu konstatieren, dass genau dies in der Geistesgeschichte immer wieder geschieht, mit in der Vergangenheit teils schwersten konkreten, physischen und abscheulichen Konsequenzen.

Es drängt sich die Frage auf, (b1) warum diese Miss-Konzeption so erfolgreich war, und (b2) ob sich dahinter in Eizelfällen nicht doch ein "wahrer Kern", eine zumindestens teilweise korrekte Einschätzung wirklicher Phänomene finden kann.

Indem wir zweite Frage bejahen, haben wir eine möglich Antwort auf die erste.

Es ist nämlich in der Tat so, dass in einem Text, von einem oder mehreren Menschen aufgeschrieben, zutreffende Aussagen über Wahrheit und Wirklichkeit zu finden sein können, die nicht "durch" das Bewußtsein der Autoren gegangen sind, die gleichsam un-bewußt aus der Wirklichkeit in die Feder geflossen sind, qua Intuition, was nichts anderes ist als Erfahrung, kondensiert ohne Beitun der ordnenden Hand der Vernunft.

Nehmen wir, nur als Beispiel, Anton Bruckner. Hier hören wir eine deutliche Diskrepanz zwischen "bewußtem Komponieren" und "direktem Aufschreiben": Wann immer er "konpositorische Entscheidungen" im engeren Sinne trifft, z.B. auf der großformalen Ebene, von der Satzfolge und den Tonarten, über die Formteile der Sätze bis hinunter zur Abfolge der (meist acht-taktigen) Perioden, ist das Ergebnis überwältigend langweilig und uninteressant.
Wo er "einfach nur aufschreibt", z.B. die Beruhigungsfläche vor dem Abgesang des Adagios der Fünften; die Sechzehntelläufe fast aller Adagio-Sätze, die Choräle der Schlusscoden von Vierter und Achter; die Akkordfolge im Abgesang des ersten Themas des Adagios der Neunten; die Schlussgruppe in derem Ersten Satz, etc. -- da ist er göttlich. Da beginnt der Kosmos selbst zu klingen, und die Seele des letzten gequälten Hirsches schreit auf. Wir würden dem guten Herrn Bruckner allemal zurufen: "Das hat Er nicht komponiert, nein, das hat der LIebe GOtt persönlich diktiert."

Es erklingen da ewige Wahrheiten über den Mechanimus unserer Seele, Protokolle unseres künftigen Todes, Aussagen über das ewige Leben und es erhebt sich das Gefühl unserer wahren Bestimmung. Das ist zunächst "jenseits aller Vernunft", unmittelbar angeschaute Ewigkeit, Erlösung und Verdammnis, unmittelbar offenbart.

Aber -- es ist auch gar nichts Jenseitiges oder Mysteriöses dabei!

Indem nämlich der aufschreibende, schaffende Geist sich seinen eigenen Gehirnwindungen überläßt, den Bahnen der Synapsen schlicht folgt, ohne dass dieser Gang durch die begriffsbildenden Organe hindurchgeleitet wird, folgt er ja dennoch seinem psycho-internen "Modell von Musik", wie er es in Jahrzehnten der Beschäftigung (bewußt und unterbewußt) konstruiert hat, gelernt hat; wie es nicht zuletzt auch historisch-kulturell determiniert ist, und somit auch die Synapsen der Mitmenschen (unter Umständen !-) geeignet ist, direkt zu erreichen.

So spricht durch diese Trajektorien das psycho-interne Modell gleichsam direkt, es spricht "die Frau Musica selber". Dies kann selbstverständlich als "Offenbarung" aufgefasst und bezeichnet werden, so lange man sich des zugrundeliegenden Wirkungsmechanismus und seiner Einschränkung bewusst bleibt.

Keinesfalls wird daraus aber Autorität ableitbar.

Autoritativ ist das Werk nur, so weit es wirken kann.



^inh 2015053101 phaenomen
Die Kahlheit der Gipfel

Und duldet auch auf seines Berges Rücken,
Das Zackenhaupt der Sonne kalten Pfeil,
Läßt nun der Fels sich angegrünt erblicken,
Die Ziege nimmt genäschig kargen Teil.

Warum sind die Bergesgipfel, auch schon die nicht einmal extrem hohen der mittleren Alpenberge, für den Bergsteiger, auch schon für den Wanderer, so anziehend, und auch für den Maler, den Dichter, den Ton-Dichter?

Ein Grund ist wohl, dass sich hier die Erde zur Spitze wölbt, also ein Extrem-Punkt dessen erreicht ist, auf dem wir täglich stehen, --- ein deutlicher Widerspruch zu dieser Alltäglichkeit, und doch ein Teil von ihr. Das sonst Mild-Gewölbte wird steil, verletzend, gefährlich und unzugänglich, das sonst so Freundliche zeigt ein anderes, sein wahres?, Gesicht.

Ein weiterer Grund ist, dass beim Aufstieg das scheinbar Überflüssige zurückbleibt: erst schrumpfen die majestätischen Bäume zur Krüppelkiefer, dann verschwindet auch die, es bleiben Gräser und Kräuter, dann nur noch Moose, am Schluss reiner Stein und etwas Eis.

Archaisches Grund-Material vor jedem Leben, aus dem, nur durch die Kraft der kalten Sonne, das Leben über Jahrmillionen erst entstehen wird.

((
Der "kalte Pfeil" fiel dem Herrn Goethe wohl ein wegen der Vorstellung, dass der Sonnenschein an-sich keinesfalls warm ist, sondern nur Wärme vermittelt, indem er auf etwas Auf-wärm-bares, etwas Weiches, Lebendiges, der Aufnahme und des Wachstums Fähiges trifft.
Das stimmt natürlich nicht: Auch der nackte Fels wärmt sich gerne auf ...
))

Hier oben, auf und an dem Gipfel, wird unsere Welt reduziert auf das Nötigste: Fels, Wasser, Licht.
Wir selber, wir müssen kämpfen um hierhin zu kommen, etwas überwinden, was ebenso archaisch und ewig ist, objektiv, mitleidlos und über alle Maßen gerecht: die Schwerkraft.
Und gegen Hunger und Durst, die hier so deutlich fühlbar werden, weil außer mitgeführtem Proviant nichts sie wird sillen können ...
Und wir müssen achtsam sein, den Fuss "abgemessen hin zu jähem Rand" setzen, um zu überleben.

Und so erfüllt uns ein Gefühl von Konzentration auf das Wesentliche, vom Abwerfen des Nebensächlichen, vom Berühren des für das Überleben eigentlich, ja, einzig Wichtigen, vom Zerschneiden der alltäglichen Verstrickung, von FREIHEIT angesichts des Absoluten, des Los-Gelösten.

Volute

Diese Kargheit erweckt dasselbe Gefühl, wenn sie in der Musik auftritt.

Man erinnere die beiden Höhepunkte des Adagios von Bruckners Fünfter: Nur noch reine Akkorde, in Sexten und sperrigen Septen auf- und abstrebend, mit gleichzeitig höchster Anspannung und Widersprüchlichkeit, die aber, wenn wir die Abfolgen als Ganze empfinden, in sich ruhen und kreisen.

Alle kontrapunktische Dichte und instrumentatorische Feinheit ist in diese simplen Akkorde eingeschmolzen, ist zerronnen und verschwunden; nur die einstimmige Melodie bleibt und die Schwere der Klänge, wie Felsenzacken.

Möglich und berechtigt und wirksam sind diese selbstverständlich nur, weil jene ihnen vorangingen, --- das Primitive kann nur auf der Folie des Allerkunstvollsten gesagt werden, wenn es selber kunstvoll wirken soll.

Es ist gleichsam im Vorhinein abgebüßt.

Aber auch die andere Reihenfolge findet sich: Dass ein auf Verwickeltes folgender Satz unvermittelt als karg einstimmiger beginnt, z.B. als Fugen-Thema, aus dem Komplexität erst wieder entstehen muss, siehe Anfang des Freude schöner Götterfunken oder des Eroica-Finales oder des Finales op.110 oder meiner Dritten Sinfonie.

In all diesen Fällen sind die kahlen Gipfel gemeint, das Ungeschmückte, Eigentliche.

Das Ungeschminkte, das Wahre.


© senzatempo.de     markuslepper.eu        2016-03-08_10h32       Valid XHTML 1.0 Transitional     Valid CSS!
produced with eu.bandm.metatools.d2d    and    XSLT
music typesetting by musixTeX    and    LilyPond